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Die Cocktailtomate „Onkel Gustav“ – eine Besonderheit

Dieser Artikel wurde
von Angela Hinz (Autor)
geschrieben.

Autor: Angela Hinz –
Tomatenvielfalt lässt sich unter verschiedenen Aspekten betrachten. Zwei davon sind für jeden wahrnehmbar: Aussehen und Geschmack.

Onkel Gustav
Onkel Gustav

Was macht „Onkel Gustav“ zu einer Besonderheit?

Tomatenvielfalt lässt sich unter verschiedenen Aspekten betrachten. Zwei davon sind für jeden wahrnehmbar: Aussehen und Geschmack. Wir kennen riesige Ochsenherz-Tomaten und kleine Cocktailtomaten. Es gibt Tomaten in den verschiedensten Formen und Farben. Ebenso bietet sich geschmacklich ein breites Spektrum: von süß fruchtig bis würzig säuerlich. Die Tomatenvielfalt ist groß! Diese Vielfalt kann jeder sehen und schmecken.

Andererseits ist es möglich, die Vielfalt auf molekulargenetischer Ebene zu beschreiben. Dazu wurde eine Untersuchung an der Universität Kassel durchgeführt. Diese zeigte, dass die Cocktailtomate ‘Onkel Gustav’ eine Besonderheit ist. Zunächst eine kurze Vorstellung dieser Tomatensorte.

„Onkel Gustav“ – eine alte Familiensorte mit besonderem Geschmack

Onkel Gustav ist eine ertragreiche rote Cocktailtomatensorte, deren zahlreiche Früchte an langen einfachen Rispen oder an sogenannten Doppelwickel wachsen. Diese Cocktailtomate überzeugte schon viele Tomatenliebhaber bei Verkostungen, denn sie hat ein hervorragend würzig-spritzig und sehr fruchtiges Aroma. Ob ‘Onkel Gustav‘ die originale Bezeichnung für diese Tomatensorte ist, lässt sich nicht mehr genau nachverfolgen. Sicher ist, dass es sich um eine altbewährte Familiensorte aus dem Raum Hannover handelt. Sie wurde über viele Jahre hinweg liebevoll kultiviert (vielleicht von Onkel Gustav?) Aber nicht nur der Geschmack ist besonders: ‘Onkel Gustav’ hat auch besondere „innere Werte“!

„Onkel Gustav“ – eine genetische Besonderheit

Im Sommer letzten Jahres stellte Johannes Timaeus im Rahmen eines Tomatenseminars interessante Ergebnisse einer genetischen Analyse vor, die an der Universität Kassel für Ökologische Agrarwissenschaften in Witzenhausen durchgeführt wurde. Es wurden 15 Erhalter-Tomatensorten genetisch, mittels einer bestimmten Auswahl von Markern, untersucht. Eine bestimmte Anzahl und Auswahl von Genomabschnitten der einzelnen Sorten wurden analysiert und verglichen.

Ziel der Untersuchung war, die biologische Vielfalt auf molekulargenetischer Ebene zu untersuchen und somit die genetischen Distanzen der einzelnen Sorten zu ermitteln. Wie groß sind also die genetischen Unterschiede?

Großer morphologischer Unterschied – geringe genetische Distanz

Interessante Ergebnisse lieferte die genetische Analyse der Tomatensorten ‚Weißes Ochsenherz‘ und ‚Roter Heinz‘ im Vergleich. Der morphologische, also äußerliche Merkmale betreffende, Unterschied der beiden Tomatensorten ist nicht zu übersehen. (siehe Abb.1) Das große ‚Weiße Ochsenherz‘ mit seiner weißgelben Frucht und üppigem  Fruchtfleisch unterscheidet sich optisch in Form, Farbe und Größe enorm von der roten mittelgroßen Salattomate ‚Roter Heinz‘.

Im Gegensatz dazu ergab die Untersuchung, dass diese, optisch so unterschiedlichen Tomatensorten, erstaunlicherweise die geringste genetische Distanz im Vergleich zu allen untersuchten Sorten aufweisen. Das heißt, die beiden Sorten sind sich genetisch gesehen recht ähnlich, obwohl sie so unterschiedlich aussehen.

Abbildung 1: Vergleich der Tomatensorten ‘Weißes Ochsenherz’ und ‘Roter Heinz’: großer morphologischer Unterschied, geringe genetische Distanz

Geringer morphologischer Unterschied – große genetische Distanz

Vergleicht man die Sorten ‘Onkel Gustav‘ und ‘Zaira‘, stellt man fest, dass die optischen Unterschiedezwischen den Früchten beider Tomatensorten nicht so groß sind. Beide Sorten sind rot und klein bis mittelgroß. (siehe Abb. 2) Interessanterweise wurde bei diesem Sortenpaar jedoch die größte genetische Distanz aller untersuchten Tomatensorten festgestellt, obwohl man das nicht unbedingt vermuten würde.

Abbildung 2: Vergleich der Tomatensorten ‘Zaira’ und ‘Onkel Gustav’: geringe morphologische Unterschiede, große genetische Distanz

Diese Untersuchung zeigt, dass sich von äußeren Merkmalen nicht unbedingt die Größe der genetischen Unterschiede ableiten lassen. Deshalb ist es durchaus interessant, die Vielfalt auch auf genetischer Ebene zu beleuchten. Durch die molekulargenetische Untersuchung konnte eine Besonderheit aufgedeckt werden, die man äußerlich gar nicht erkennen konnte.

„Onkel Gustav“ – überrascht mit seiner Genetik

Das interessanteste Ergebnis bezüglich ‘Onkel Gustav’ ist jedoch, dass diese Tomatensorte die größte genetische Distanz zu allen anderen 15 untersuchten Erhalter-Tomatensorten aufweist. Daraus folgt, dass die Tomatensorte ‘Onkel Gustav’ viel zur genetischen Vielfalt (zumindest unter den 15 untersuchten Tomatensorten) beiträgt.

Fazit: „Onkel Gustav“ – eine außergewöhnliche Tomatensorte

Diese köstliche wuchsfreudige Familiensorte ist sowohl geschmacklich als auch genetisch etwas Besonderes. Sie bereichert nicht nur kulinarisch, sondern auch auf molekulargenetischer Ebene unsere Tomatenvielfalt. Deshalb ist sie in jeder Hinsicht erhaltenswert und anbauwürdig. Vielleicht findet sie ja auch einen Platz in ihrem Garten – die Cocktailtomate ‘Onkel Gustav‘ – eine Besonderheit!